Die Gesellschaft, in der (fast) jeder kostenlos
    Leistungen erbringt?

    von Eberhard Kübel

    Die E-Mails zu zählen, die täglich eingehen, habe ich aufgegeben. Aber hin und wieder gibt es „Highlights". Vor kurzem erreichte mich die folgende Anfrage:

    „Sehr geehrter Herr Kübel,

    für meine Masterarbeit ‘Erstellung eines Ideengenerierungsworkshops’ bitte ich um ihre Unterstützung.

    Viele gute Ideen werden vergessen, nicht geäußert, nicht entwickelt und auch nicht umgesetzt. Damit mehr Menschen in Organisationen ihre Ideen verwirklichen können, erstelle ich in meiner Masterarbeit an der Hochschule [...] einen Ideengenerierungsworkshop für die [...] GmbH. 

    Der Workshop soll seinen Teilnehmern ermöglichen, unter Anleitung eines Moderators neue Ideen  zu finden, zu entwickeln, zu clustern und zu bewerten.

    Die folgende Befragung richtet sich an Führungskräfte und Mitarbeiter aller Branchen und Fachbereiche: http://ww3[...]de/uc/Ideenworkshop/

    Ihre Teilnahme verbessert die Ergebnisse meiner Arbeit. Ich freue mich, wenn Sie den Link auch an Kollegen und Bekannte weiterleiten.

    Mit freundlichen Grüßen

    Max Mustermann - Masterand"

    Geht man der Sache nach, so stellt man fest, dass es sich beim Auftraggeber für diese Masterarbeit um ein international tätiges Unternehmen mit 90 Mio € Umsatz und über 500 Mitarbeitern handelt. Das Unternehmen wurde ursprünglich als Tochtergesellschaft eines DAX-Konzerns gegründet, inzwischen agiert es aber unabhängig von dem Konzern.

    Ein Unternehmen dieser Größe erwartet also allen Ernstes, dass Fachleute für Sie kostenlos ihr KnowHow zur Verfügung stellt, um neue Produkte zu entwickeln. Wie eng der Student in die Arbeit des Unternehmens eingebunden ist wurde daran deutlich, dass er mit einer Emailadresse des Unternehmen aktiv wurde.

    Mit Open Innovation hat eine solche Sache nichts zu tun. Denn bei (seriösem) Open Innovation geht man davon aus, dass alle Beteiligten etwas einbringen und auch alle Beteiligte einen Nutzen davon haben. Im konkreten Fall habe ich dem Studenten geantwortet, dass ich gerne bereit bin, meine Erfahrungen gegen Honorar zur Verfügung zu stellen, da ich davon ausgehe, dass sein Auftraggeber auch keine kostenlose Beratung durchführt. Letzteres bestätigte er mir, wies aber darauf hin, dass er keinerlei Etat für seine Arbeit zur Verfügung habe. Und bat erneut um Unterstützung für seine Arbeit.

    Geiz ist geil

    - nicht ohne Grund dürfte das Unternehmen, das jahrelang mit diesem Slogan warb, sich davon abgewandt haben. “Leistung muss sich wieder lohnen”, war (so http://politikblog.webthemen.de) Motto des ersten Regierungsprogramms von Schwarz-Gelb (1982), danach Kampfslogan von Guido Westerwelle. In machen Unternehmen scheint er immer noch nicht angekommen zu sein.


    zurück zum Inhaltsverzeichnis